Der Frank im Schrank - von Bernd Sieberichs

Der Frank im Schrank – von Bernd Sieberichs

Autor Bernd Sieberichs im Interview: „Kreativ zu schreiben, das ist wie Tanzen, Meditieren, Musizieren und Malen in einem!“

Normalerweise dreht es sich bei uns hauptsächlich um unsere eigenen Möbelstücke. Heute allerdings lassen wir einem anderen Schrank den Vortritt – und zwar einem Speiseschrank. Der und sein fantastischer Mitbewohner wurde vom Autor Bernd Sieberichs in seinem Roman „Der Frank im Schrank“ zum Leben erweckt. Mit Bernd Sieberichs haben wir über alle möglichen Schränke, fantastische Welten und das Schreiben gesprochen.

Wenn wir ausnahmsweise einmal nicht maßgefertigte Schränke fertigen, Produktionsprozesse optimieren oder uns mit Trends rund um Interior Design beschäftigen, halten wir immer mal wieder Ausschau nach Büchern – und zwar solchen, in denen Schränke eine Hauptrolle spielen. Vor Kurzem wurden wir wieder fündig und sind auf den fantastischen Kinderroman „Der Frank im Schrank“ gestoßen. Mit seinem Schöpfer Bernd Sieberichs haben wir uns unterhalten und durften mit ihm ein wenig in die Welt dieses schönen Kinderromans schauen.

schrankwerk: Herr Sieberichs, in unserem Blog dreht es sich immer wieder um Bücher, in denen Schränke eine besondere Rolle spielen. Wir hatten schon einmal einen Übernachtungstrip im Möbelhaus oder einen Schrank am Strand. In Ihrem Kinderbuch „Der Frank im Schrank“ geht es um einen Speiseschrank, in dem auch noch fantastische Wesen hausen. Erzählen Sie unseren Lesern kurz darüber?

Bernd Sieberichs: Der Feenschrat Frank lebt seit 101 Jahren im Speiseschrank der Mühle Mathilde. Langeweile vertreibt er sich mit Mampfen & Reimen. Als der Kugelblitz in die Mühle einschlägt wird es für alle Bewohner gefährlich. Können die Mühlenkinder und ihre fantastischen Freunde vom Kleinen Volk Munkenholt vor dem Bannfluch eines mesopotamischen Murksmuhls retten? Nur mit der Kraft ihrer Ideen und der Fantasie gelingt es den mutigen Brückenbauern zwischen den Welten, den Bannfluch zu brechen.     

Schränke übten schon in meiner Kindheit einen geheimnisvollen Zauber auf mich aus. Es gibt Kleiderschränke, Spiegelschränke, Besenschränke, Schuhschränke, Eckschränke, Bücherschränke, antike Schränke, begehbare Schränke, Einbauschränke, unendlich viele Schränke – und natürlich, die köstlichsten von allen: die Speiseschränke!

schrankwerk: Wie sind Sie auf diese besondere Kinderbuch-Geschichte gekommen? Gab es in Ihrer Familie vielleicht sogar auch einen Speiseschrank, den es zu entdecken gab …?

Bernd Sieberichs: Aber selbstverständlich gab es bei uns einen begehbaren Speiseschrank. Eine kleine Kammer unter der Treppe, auch im Sommer schön kühl. In den Regalen die eingeweckten Köstlichkeiten aus Omas Küchenkabinett. Dazwischen echte Fundstücke und Raritäten: eine Colaflasche aus den Fünfzigern, Vorkriegs-Griebenschmalz mit zentimeterdicker Patina, versteinerte Dr.-Oetker-Puddings aus den vielleicht 1920ern und noch viel mehr. Menschen verstauen und verstecken ihre Wertsachen, ihre Kleinodien und Schmuckstücke, ihre Erinnerungen und ihre geheimsten Schätze in Schränken.

Als kleiner Junge von fünf oder sechs Jahren habe ich ganze Wintertage im Gästezimmer meiner Oma, im uralten Schrank meiner Uroma, gestöbert und gehaust. Zwischen vergilbter Bettwäsche und muffigen Nachthemden fanden sich Kostbarkeiten aus vielen Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten, so kam es mir vor. 1 Milliarden Mark-Scheine, Knöpfe aus Kupfer und Messing, Epauletten einer alten Uniform, urige Stopfeier aus Emaille, Zedernholzkugeln gegen Motten und vielleicht auch gegen Vampiretten ….

schrankwerk: Sie verbinden in Ihrem Kinderbuch Wirklichkeit und fantastische Welt zutiefst miteinander – oder man könnte auch sagen: Der Schrank dient als Portal in eine andere Wirklichkeit. Verschließen wir Erwachsenen uns zu sehr vor „anderen“ Wirklichkeiten?

Bernd Sieberichs: Nicht der Schrank war die zündende Idee für den Frank im Schrank, sondern die Grundidee, dass beseelte Wesen zum Nutzen und Gedeihen aller bestens koexistieren können, wenn sie sich mit Neugier, offenen Herzens und mit Respekt begegnen. Wir Menschen sind genauso Naturwesen wie das Kleine Volk von Munkenholt.

Wir können die Grenzen der Andersartigkeit mit Phantasie, mit Humor und verständnisvoller Freundschaft jederzeit überwinden, wenn wir es denn wollen!

So wie der Frank ein Brückenbauer zwischen den Welten ist, so ist der Speiseschrank das Sinnbild dafür, dass wir uns alle aus derselben Quelle nähren.

Kinder lassen sich nicht so leicht vom Wesentlichen ablenken wie wir „ge- und verbildeten“ Erwachsenen. Wir vergessen oft die wunderbare Ganzheit von Körper, Geist und Seele und beschränken uns auf das Physische. Frank und das Kleine Volk verkörpern als feinstoffliche Wesen die mittlere Ebene als Bindeglied zwischen der physischen und der psychischen/übersinnlichen Welt.

schrankwerk: Der Feenschrat Frank, die Vampirette Vladdia oder die Sippschaft des kleinen Volkes sind nicht nur Wesen, die im Schrank leben: Sie bedienen sich zahlreicher schillernder Figuren, die aus dem Rahmen fallen. Was möchten Sie Ihren Lesern damit sagen: Jeder ist anders?

Bernd Sieberichs: Immer wieder bleiben Menschen im zu schnellen Urteil gefangen. Wir stecken andere in Schubladen. Wir ängstigen uns schnell vor Andersartigkeit. Wir scheuen zurück vor Veränderung. Aber das Leben ist so bunt und ändert sich permanent. Veränderung ist oft das einzig Beständige. Die Munkenholter zeigen uns, wie wir gemeinsam ideenreich, phantasievoll und freundschaftlich unsere Einzigartigkeit nutzen können, um uns gegenseitig und miteinander das Leben leichter zu machen. Dann können wir sogar die murksmuhligsten Trockenbannflüche bannen… Funktioniert vielleicht sogar mit Viren, Bakterien und Co.

schrankwerk: Wieso hat der dicke Frank im Speiseschrank eigentlich einen solch zwanghaften Drang zum Dichten? Und wo nehmen Sie die vielen Wortneuschöpfungen her, durch die Ihr Roman so lebendig wirkt?

Bernd Sieberichs: Schreiben ist immer ein Akt der Kommunikation in mehrere Richtungen. Ich schöpfe aus meinem Inneren nach außen (in die Bücherwelt). Aus mir tauchen Bilder, Symbole, Motive und Ideen auf, die ich mit meinem Handwerk einerseits und mit meiner Gefühlswelt (aus Intuition, Inspiration und Erfahrung gewonnen und verdichtet) andererseits bearbeite, durchwirke. Je länger ich das mache (seit 1986 zuerst als Reiseschriftsteller), umso öfter gelange ich beim Schreiben in einen tiefenentspannten Zustand (manche sagen Trance, andere Einkehr). Ich bin dann so konzentriert auf meine Figuren, dass diese in mir lebendig werden und erwachen – und mir dazwischen quatschen: „Hähähä, du hast ja bloß wieder zuviel ‚Pinocchio’ gelesen. Alter ey, du bist bloß ein winzwichteliges Menschenwesen! Du kannst nur Schreiben und Lesen. Die Phantasie kommt immer von uns Kleinen Wesen.“ – und immer wieder „kluge Kommentare“ abgeben. Wenn ich jetzt behaupte, die Neologismen kommen von alleine, dann wird Frank mir vehement widersprechen… „Du kannst ja eh nur radebrechen – also verglichen mit mir. Ich bin nämlich eine Zier! Eine wahre Worterfindungswundertütenziermaschine, die rattatattatattert in mir.“

Die besondere Erzähltechnik dazu – das ‚Assoziatives Schreiben’ – stammt aus meinem Schulkonzept, das ich als Waldorflehrer zusammen mit all meinen Klassen (3. bis 12. Klasse) im Kreativen Schreiben entwickelt, gefunden und erschrieben habe. Wer weiterlesen mag: Sachbuch: WAS KEINER WAGT – Von der Seifenblase zum Heißluftballon.

schrankwerk: In Ihrem Leitbild sagen Sie: „Bücher, bunt wie das Leben!“- ein besonders positiver, ja optimistischer Gedanke in Zeiten, die angesichts der Corona-Krise vielleicht nicht jedem so positiv anmuten. Oder vielleicht gerade deswegen?

Bernd Sieberichs: Wenn ich meinem Enkelsohn Noah beim Entdecken und Erforschen der Welt zuschaue, dann hüpft mein Herz vor Freude. Mit den Augen der Kinder, die Schönheit unserer Welt jeden Tag neu zu entdecken, das bedeutet angstfrei und voller Wagemut und Ideenreichtum aus dem bunten Vollen zu schöpfen. Als guter Lehrer ahme ich einfach meine Vorbilder nach.

schrankwerk: Wenn ich Ihren Lebenslauf richtig deute, hat Schreiben für Sie eine heilende Wirkung, die Sie auch gerne anderen Menschen vermitteln möchten. Warum kann Schreiben auch für Ungeübte ein sinnvolles Abenteuer sein?

Bernd Sieberichs: Je ungeübter, desto schöner wird das Abenteuer, weil man keinen bekannten Mustern folgen kann, will oder muss. Die älteste Geste der Welt ist die der Mutter, die ihrem weinenden Kind tröstend oder heilend oder beruhigend über die Wange oder die Stirn streicht und so auf die Haut ihres Kindes schreibt: „Alles ist gut!“ Wenn wir schreiben, ohne uns den konventionellen Regeln zu unterwerfen, dann holen wir diese mütterliche Geste als eine Art von Urerinnerung aus uns selbst hervor. Entweder, um uns selbst Trost zuzusprechen. Oder, um unseren Lesern zu sagen: „Alles ist gut! Und wenn nicht, dann hast du die Schätze in deinem Inneren, damit wieder alles gut, alles heil, alles ganz wird!“

Kreativ zu schreiben, das ist wie Tanzen, Meditieren, Musizieren und Malen in einem!

schrankwerk: Welches sind Ihre persönlichen drei Lieblingsromane, die Sie zum Lesen empfehlen würden?

Bernd Sieberichs:

  • Pippi Langstrumpf von Astrid Lindgren
  • Tom Sawyer und Huckleberry Finn von Mark Twain
  • Der Starke Wanja von Otfried Preußler

schrankwerk: Herr Sieberichs, wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch!

Ihr schrankwerk-Team

P.S. Einen eigenen „Speiseschrank“ hat sich übrigens einer unserer Kunden realisiert, um in seiner ehemaligen „Kammer des Schreckens“ (O-Ton) einen großen und aufgeräumten Vorratsschrank in seiner Speisekammer zu haben.

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