Wie funktioniert ein nachhaltiger Wald?

Wie funktioniert ein nachhaltiger Wald?

Der Wald ist Lebensraum für Pflanzen und Tiere. Er ist Naherholungsgebiet für uns Menschen. Doch er ist auch Rohstofflieferant und aktiver Klimaschützer! Wir möchten uns näher mit der „grünen Lunge“ beschäftigen und verstehen, wie ein nachhaltiger Wald wirklich funktioniert. Dazu haben wir ein Gespräch mit Dr. Philipp Freiherr Heereman geführt, Vorsitzender des Waldbauernverbands NRW e. V., Diplom-Betriebs- und Forstwirt sowie Waldbesitzer im Nördlichen Münsterland.

Nachhaltiger Wald: Von der Forstpflanze bis zur Holzernte

Viele Arbeitsschritte und noch viel mehr Zeit sind nötig, bevor ein Baum gefällt und zu Holzprodukten weiterverarbeitet wird. Forstwirte bestellen, pflegen und schützen den Wald im Sinne einer naturnahen und ökologisch wertvollen Forstwirtschaft. Wir erklären Ihnen die wichtigsten Schritte, die ein Baum bis zum Abtransport vom Wald ins Sägewerk durchlebt.

Die Aufforstung: Sollte eine größere Fläche durch Hiebschlag, Sturm oder Käferfrass „kahlgeschlagen“ sein muss laut Waldgesetzt der Wald erneuert werden. Das geschieht entweder durch natürliche Aussaaten (Naturverjüngung) oder als Anpflanzung. Letzteres geben die Waldbesitzer:innen eigenverantwortlich vor. Der Standort sowie wirtschaftliche und klimatische Faktoren geben vor, welche Baumarten zur Pflanzung geeignet sind. Das Saatgut darf zudem nur aus amtlich zugelassenen Waldbeständen stammen. Die Waldbesitzer:innen entscheiden dann frei, welcher Herkunft das Saatgut sein soll. Das heißt, über welche Qualitäten die Forstpflanze verfügen soll – z. B. Wuchsleistung, Härte oder Dichte des Holzes.

Die Durchforstung: Sie ist ein elementarer Teil der Waldpflege. Für eine nachhaltige Waldwirtschaft ist es entscheidend, dass die wertvollsten und ertragreichsten Bäume geschützt werden und ausreichend Platz zum Wachsen haben. Nur mit genügend Platz können sie starke Wurzeln schlagen, üppige grüne Kronen formen und voluminöse Stämme ausbilden. Schwächere und weniger wertvolle Bäume werden daher frühzeitig gefällt, um dem gesunden Wachstum der wertvollen Bäume nicht im Wege zu stehen. Wasser, Boden und besonders der Lichteinfall bestimmen das Wachstum der Waldbäume.

Die Holzernte: Es kann bis zu 80 oder gar 120 Jahre dauern, ehe ein Baum gefällt wird. Welche Bäume gefällt werden, legen die Waldbesitzer:innen, oftmals gemeinsam mit ihrem / ihrer Förster:in gemeinsam fest. Über präzise angelegten „Rückegassen“ dringen nun fahrbare Maschinen vor. Sogenannte Harvester (Holzvollernter) fällen die Bäume, entasten sie und sägen die Stämme in marktgängige Längen zu. Besonders Wertvolle und alte Bäume werden auch weiterhin manuell mit Motorsägen gefällt. 

Die Holzrückung: Forwarder (Tragschlepper) oder Skidder (Seilschlepper) transportieren nun die zurecht gesägten Stämme bis zum Waldweg. Dort wird das Holz, falls es nicht bereits während der Fällung erfolgte, nach Qualität und Größe für den Weitertransport ins Sägewerk sortiert.

Im Gespräch mit Dr. Philipp Freiherr Heereman

Dr. Philipp Freiherr Heeremann
Foto: Günther Orthmann

Herr Freiherr Heereman, nehmen Sie uns doch mal mit in Ihren Wald. Wie sieht es dort aus?

Wir sind ein Forstbetrieb mit ca. 500 Hektar Wald, um den sich ein Forstwirtschaftsmeister, zwei Forstwirte und ein Auszubildender kümmern. Die Hauptbaumart ist Kiefer, dazu Eiche, teilweise Buche und früher hatten wir noch 10% Fichtenbestände, die aber mittlerweile verschwunden sind. Das hat mit dem Borkenkäferbefall zu tun, aber vorrangig natürlich mit der extremen Trockenheit. Die Trockenheit hat mittlerweile leider auch die Buchen und Eichen ereilt.  

Sie sprechen direkt die großen Probleme an, die die Wälder haben.   

Viele denken, die Bäume wären abgestorben, weil der Borkenkäfer sie zerfressen hat. Das ist natürlich Quatsch. Bäume sterben ab, weil sie kein Wasser haben. Darunter leidet auch die Produktion des Harzes, mit denen die Bäume normalerweise die Brutkammern der Borkenkäfer verkleben. Fehlt das Harz, können sich die Schädlinge ungestört vermehren. Bei der Fichte ging das relativ schnell. Bei der Buche und Eiche hat sich das über Jahrzehnte entwickelt.

„Langfristig brauchen wir Dauerregen. Wenn die ganze Nation aufs Wetter schimpft, bin ich froh!“

Dr. Philipp Freiherr Heeremann


Wie ernst ist die Lage in den deutschen Wäldern?

Sie müssen sich ganz Deutschland wie einen ausgetrockneten Blumentopf vorstellen. Die Wurzeln der Bäume wachsen nach unten. Je größer ein Baum ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Wurzeln nach unten durchdringen. Sie erreichen aber längst nicht mehr das Grundwasser. Das Problem ist nun, dass die Wurzeln unten sind, es aber nur mäßig obendrauf regnet. Das nützt den Bäumen gar nichts. Langfristig brauchen wir Dauerregen. Wenn die ganze Nation aufs Wetter schimpft, bin ich froh!

Was können Sie als Waldbesitzer nun tun, um die Wälder zu erhalten und diese auch weiterhin nachhaltig zu bewirtschaften?

Wir müssen hier unterscheiden zwischen normalen Bedingungen und den vorliegenden Extrembedingungen. Unter normalen Bedingungen reicht es aus an den Stellen, an denen man einzelne Bäume oder gar ganzen Bestände entfernt hat, vergleichbares zu wiederholen. Unter dem Klimawandel stellen sich ganz neue Herausforderung. Einer Wiederaufforstung geht eine forstwissenschaftliche Untersuchung des Standortes in Bezug auf den zukünftig zu erwartenden Niederschlag und die Temperaturen voraus. Auf Grundlage dieser Erkenntnisse kann man, allerdings unter Unsicherheit, verschiedene Baumarten und spezielle Pflanzmethoden auswählen. Immer richtig wird eine gute Mischung sein. 

Im Normalfall streben wir einen Waldumbau an, der eine Zielbaumart fördert. Dabei müssen wir schauen, was der Standort hergibt und was der Markt verlangt. Schlussendlich ist das eine reine privatwirtschaftliche Entscheidung. Das ist auch gut so. Damit man mal ein Gefühl hat: In den letzten zwei Jahren hatten wir jeweils mit unserem Forstbetrieb eine Jahresernte von 10 bis 20 Jahren. Man muss sich mal vorstellen, ein Bauer würde in einem Jahr den Ertrag an Getreide für 20 Jahre erwirtschaften und hätte dann für 19 Jahre lang keinen Ertrag mehr. Nur, dass bei Forstwirten eben in Abständen von 30, 40 oder 100 Jahren gedacht werden muss. Das ist das Problem unter normalen Bedingungen. Jetzt haben wir den Klimawandel. Wir können es nicht Handhaben wie früher, als wir uns auf einheimische Baumarten wie Eiche, Buche und Fichte konzentrierten. Wir müssen stattdessen neue Baumarten pflanzen, die besser mit den klimatischen Veränderungen zurechtkommen.

Welche Baumarten stellen die Zukunft in Ihrem Wald dar?

Bei mir im Betrieb ist das eine neue Nadelholzart, die Douglasie. Da die Buche aufgrund der Trockenheit immer weiter abstirbt, ersetzen wir sie verstärkt mit Roteiche. Aber dummerweise steht im Naturschutz, dass Douglasie und Roteiche nicht ursprünglich aus Deutschland kommen. Das führt dann zu der Diskussion, ob wir einen Wald behalten wollen, der überlebt, indem wir Holz anbieten können, oder ob wir die Natur evolutionär entwickeln wollen. Dann würde ich sagen: Geben Sie mir 300 Jahre Zeit! Dann haben wir den richtigen Wald aber keine Menschen mehr.  

Ihr Wald ist PEFC-zertifiziert. Ein Siegel, das auf einen nachhaltigen Ursprung von Holzprodukten hinweist. Wie wichtig ist ein solche Zertifizierung für Waldbesitzer?

Ja, wir selbst sind PEFC-zertifiziert. Der PEFC Gedanke kommt aus den deutschen Familienbetrieben. Selbstverantwortlich und regional dynamisch. Die Vergabe des Siegels erfolgt vollkommen unabhängig. Ziel ist dabei, dass standortgerechte Mischbestände sich möglichst naturnah entwickeln werden. 

Die Bedeutung hängt am „Flaschenhals“ der Zertifizierung, diese liegt aber nicht im Wald, sondern vielmehr bei der Industrie. Die eigentliche Frage ist, ob der Verbraucher Wert darauflegt, zertifizierte Ware zu bekommen oder nicht. Denn wenn es dem Verbraucher egal ist, wird es dem Hersteller egal sein, dem Sägewerk egal sein und am Ende des Tages vielleicht sogar dem Waldbesitzer.

Wie wird kontrolliert, ob die Standards umgesetzt werden und ein Wald wirklich nachhaltig betrieben wird?

Zunächst einmal: Die Zertifizierung ist freiwillig. Es gibt aber das Bundes- und Landesforstgesetz. Im Rahmen eines sogenannten Forstbetriebswertes wird aller zehn Jahre geschaut, wie die betriebliche Entwicklung ist. Dazu kommen noch parallel die Bundes- und Landeswaldinventuren, die u. a. auch für die Treibhausgas-Berichte hinzugezogen werden. Die haben festgestellt, dass seit Kriegsende der deutsche Wald um eine Million Hektar größer geworden ist und dass wir in den letzten 20 Jahren einen sehr großen Vorrat an Holz aufgebaut haben. Wir sind also nicht nur nachhaltig, sondern verzeichnen einen Zuwachs. Allerdings nur bis zum Jahr 2018. Dann bricht der Zuwachs aufgrund der großen Trockenheit zusammen.

„Wer den Wald liebt, muss ihn schlagen! Wir müssen weiter an das Holz glauben. Denn wenn wir weiter an das Holz glauben, dann glauben wir auch an den Wald.“

Dr. Philipp Freiherr Heeremann

Die aktuelle Kampagne „Wald ist Klimaschützer“ setzt sich für eine angemessene Honorierung der klimaschützenden Leistungen des Waldes und der privaten Waldbesitzer ein. Was fordern Sie konkret?

Die Kernidee ist, dass die Gesellschaft erkannt hat, dass der Anteil an Kohlendioxid in der Luft zu hoch ist und dass man ihn binden muss. Was man allerdings noch nicht erkannt hat, ist, dass man ihn auch als Kohlenstoffbindung rekultivieren kann. Nordrhein-Westfalen ist dabei Vorreiter. Wir haben eine Modellrechnung gemacht, wie viel Kohlenstoff ein Wald im Durchschnitt eigentlich bindet. Dabei sind wir auf ca. 4 Tonnen CO2 pro Hektar Wald gekommen. Neueste Untersuchen haben zudem ergeben, dass die Holzindustrie mit ihren Produkten weitere ca. 4 Tonnen Kohlenstoff bindet. Die Kampagne 8 ist somit entstanden. Deshalb fordern wir für den Wald, dass wir die aktuell 25 €, welche die Industrie gerade pro Tonne CO2 zahlt, auch für den Wald (zurück) haben möchten. Da wir die gleiche Menge im Wald binden. Das ist eine ziemlich einfache betriebswirtschaftliche Rechnung.

Was können wir als Privatperson tun, um den Wald zu schützen und somit eine nachhaltige Waldwirtschaft aufrecht zu erhalten?

Mein Tipp heißt: Holzbau! Alles, was mit Holz zu tun hat, muss verwendet werden. Das betrifft auch Einrichtungsgegenstände aus Holz. Dazu noch, wo sinnvoll, mit Holz (Hackschnitzel, Pellets o.ä.) heizen. Neben der Einsparung von Erdöl und Co. werden so auch die lokalen Forstwirte in der Pflege und Aufforstung ihres Waldes unterstützt. 

Wenn wir über ein Holzhaus sprechen, bedeutet das nicht automatisch gleich Blockhütte. Holzhäuser können auch ein Hybrid-Haus sein. Für mich retten wir das Klima und den Wald, wenn wir mit Holz bauen. Das ist meine Forderung: Wer den Wald liebt, muss ihn schlagen! Wir müssen weiter an das Holz glauben. Denn wenn wir weiter an das Holz glauben, dann glauben wir auch an den Wald.

Vielen Dank für das interessante und ausführliche Gespräch!

Besuchen Sie den Waldbauernverband NRW. e. V.  online, um mehr über seine Arbeit und die Interessen privater Waldbesitzer zu erfahren. Die Kampagne „Wald ist Klimaschützer“ steht ganz im Zeichen der „8“. Vielleicht kennen Sie selbst einen Waldbesitzer (in Deutschland gibt es mehr als 2 Millionen), der die Kampagne persönlich unterstützen möchte.

Auch wir bei schrankwerk und der Dickmänken GmbH wissen, wie wichtig ein gesunder und lebendiger Wald ist. Nur durch einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Rohstoff Holz, kann der Wald langfristig CO2 binden und aktiv dem Klimawandel entgegenwirken. Hier finden Sie unsere Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit bei schrankwerk .

5 Quick-Facts zum Klimaschützer Wald

  • Jeder Hektar Wald bindet jährlich 8 Tonnen CO2.
  • Ein 80-jährige Buche bindet eine Tonne CO2.
  • Deutschland verfügt über ca. 11,5 Millionen Hektar Wald. Das sind 32% der gesamten Fläche.
  • Die Waldgebiete binden jährlich ca. 127 Millionen Tonnen CO2.  Deutschland stieß 2019 mindestens 810 Millionen Tonnen CO2 aus. Der Pro-Kopf-Ausstoß von CO2 liegt in Deutschland bei ca. 9,7 Tonnen.
  • Jährlich wachsen ca. 120 Millionen Festmeter Holz nach, von denen ca. 75% gerodet werden. Somit wird weniger Holz aus den Wäldern entfernt, als nachwächst.

Ihr schrankwerk Team

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